Bäume zur Klimaanpassung „wandern“ lassen

Symbolfoto: Marcin auf Pixabay
(27.1.2026) Der Kieler Pflanzenpathologe Dr. Farooq Ahmad, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Phytopathologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), erhält rund 2,25 Millionen Euro Forschungsförderung vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), um mit dem Konzept der sogenannten unterstützten Baumwanderung Anpassungsstrategien für Wälder an den Klimawandel zu erforschen.
Dank der Finanzierung durch das BMFTR-Förderprogramm „BioKreativ - Kreativer Nachwuchs forscht für die Bioökonomie“ kann Dr. Farooq Ahmad ↗ eine eigene Nachwuchsforschungsgruppe an der CAU einrichten und für zunächst fünf Jahre die genetischen Grundlagen der Klimaanpassung verschiedener Baumarten untersuchen. Das Institut für Phytopathologie an der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät gewinnt damit eine neue Forschungsrichtung hinzu, die mittelfristig wichtige wissenschaftliche Grundlagen für die Klimaanpassung und verbesserte Biodiversität norddeutscher Wälder schaffen wird.
„Ich möchte Farooq Ahmad im Namen der Universitätsleitung zu diesem großartigen Erfolg herzlich gratulieren. Er zeigt erneut, dass in Kiel hochtalentierte Nachwuchswissenschafterinnen und -wissenschaftler exzellente Pflanzenforschung von besonderer gesellschaftlicher Relevanz betreiben. Gleichzeitig trägt die Forschung zur Klimawandelanpassung des Waldes zur nationalen Bioökonomiestrategie bei und kann damit möglicherweise zukünftig auch interessante wirtschaftliche Perspektiven für unser Bundesland eröffnen“ CAU-Vizepräsident für Forschung, Professor Eckhard Quandt.
Bäume zur Klimaanpassung „wandern“ lassen
Der Klimawandel mit zunehmenden Dürreereignissen und steigenden Temperaturen stellt die Wälder auch in Norddeutschland vor besondere Herausforderungen. Diese Faktoren schwächen Bäume und machen sie zum Beispiel für mikrobielle Krankheitserreger oder schädliche Insekten anfälliger. „Man geht in Deutschlands Wäldern bereits von 30 bis 40 Prozent geschädigten Bäumen aus, was jährlich wirtschaftliche Verluste in Milliardenhöhe verursacht. Der Klimawandel verändert die Standortbedingungen so, dass die meisten heute angepflanzten Wälder die Bedingungen des Jahres 2070 ohne vorbeugende Maßnahmen nicht überleben würden. Daher diskutieren Forschende eine neue Strategie, bei der Bäume aus wärmeren in kältere Klimazonen migriert werden“, beschreibt Ahmad die Rahmenbedingungen seines Forschungsprojekts.
Pflanzen reagieren auf geänderte Umweltbedingungen auch ohne künstliche Eingriffe mit der allmählichen Ausbreitung an neue Standorte. Der menschengemachte Klimawandel läuft dafür allerdings zu schnell ab: Viele Pflanzen sind nicht in der Lage, die notwendigen Entfernungen zurückzulegen, um eine neue Umgebung mit geeigneten Bedingungen zu erreichen. Dadurch drohen heimische Wälder abzusterben. Das Konzept der unterstützten Baumwanderung zielt darauf ab, die nötige „Wanderung“ des Waldes zu beschleunigen, indem nicht-heimische und tolerantere Baumarten auf der Grundlage zukünftiger Klimawandelszenarien künstlich an weiter nördlich gelegene Standorte verpflanzt werden.
„Wir wissen, dass das Klima auch in Norddeutschland wärmer und trockener wird. Mit Bäumen aus Südeuropa könnten wir also zum Beispiel versuchen, die Wälder im Norden für die diese künftigen Bedingungen zu wappnen. Wegen ihrer häufig besonders hohen Lebensdauer werden heute gepflanzte Bäume mit den drastisch geänderten Wachstumsbedingungen in einigen Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten zurechtkommen müssen“, erklärt Ahmad, der Fellow des KiTE-Kiel Training for Excellence-Programms der CAU ist, das von den Marie Skłodowska-Curie Actions (MSCA) aus dem Horizon Europe Programm der Europäischen Union und der Universität kofinanziert wird.
Wissenschaftliche Grundlagen für die unterstützte Baumwanderung schaffen
Das Konzept der unterstützten Baumwanderung wird allerdings erst seit Kurzem wissenschaftlich diskutiert, so dass noch eine Reihe von Herausforderungen zu bewältigen sind. Dazu zählt zum Beispiel die Frage, welche an ein warmes Klima angepassten Bäumen überhaupt für eine Migration in den Norden mit derzeit noch deutlich kühleren Temperaturen geeignet sind. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass solche nicht-heimischen Bäume anderen Krankheitserregern ausgesetzt sind, denen sie in ihrer ursprünglichen Umgebung nicht begegnen. „Das Konzept der Baumwanderung ist daher derzeit noch riskant. In unserem neuen Forschungsprojekt wollen wir untersuchen, welche Baumarten sich besonders für die Anpflanzung in Norddeutschland eignen, insbesondere im Hinblick auf deren Klimatoleranz und Robustheit gegenüber Pflanzenpathogenen und welche Auswirkungen eine solche Umsiedlung mit sich brächte“, betont Ahmad, der bei der Einwerbung des Forschungsvorhabens vom Postdoc-Zentrum und der CAU-Abteilung für nationale Forschungsförderung unterstützt wurde.
Konkret wird Ahmad mit seinem neuen Forschungsteam daran arbeiten, verschiedene Eichenarten aus Süddeutschland und Spanien auf ihr Migrationspotenzial nach Norddeutschland zu testen. Dazu soll ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber klimabedingten abiotischen Stressfaktoren wie Kälte und Hitze und biotischen Stressfaktoren wie bestimmten Krankheitserregern bestimmt werden. Mithilfe von Genomanalysen wollen die Forschenden spezifische Gene und genetische Prozesse zu identifizieren, die den Eichen in einer neuen Umgebung Widerstandsfähigkeit gegenüber einer Kombination dieser verschiedenen, sich überlagernden Einflüsse verleihen.
„Die so zusammengetragenen Ergebnisse über die Erbinformationen von besonders stressresistenten Bäumen sollen künftig dazu beitragen, anhand von bestimmten molekularen Markern gezielt Bäume zu züchten, die an die künftig zu erwartenden Wachstumsbedingungen angepasst sind“, so Ahmad. „Langfristig kann es so gelingen, die Verfügbarkeit des heimischen Rohstoffes Holz für eine biobasierte Wirtschaft auch unter drastisch geänderten Umweltbedingungen sicherzustellen“, fasst der Wissenschaftler das Potenzial für eine künftige wirtschaftliche Anwendungen zusammen.
Kieler Pflanzenforschung auf Folgen des Klimawandels fokussiert
Ahmads künftige Nachwuchsforschungsgruppe fügt sich damit bestens in das Umfeld des Kiel Plant Centers (KPC) ein, das sich schwerpunktmäßig mit den Anpassungen von Nutzpflanzen an geänderte Umweltbedingungen beschäftigt. Teil dieses Zusammenschlusses der Kieler Pflanzenforschenden im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Kiel Life Science (KLS) ist auch die Abteilung Phytopathologie und Pflanzenschutz um Professor Remco Stam, mit der Ahmad künftig weiter eng zusammenarbeiten wird. „Farooq Ahmads innovative Arbeiten rund um die Anpassung von Wäldern an den Klimawandel passen ideal in unser übergreifendes Forschungsthema, das sich mit den Anpassungsmechanismen an den Kimawandel und die damit zusammenhängende Anfälligkeit oder Robustheit gegenüber Pflanzenpathogenen beschäftigt“, betont KPC-Mitglied Stam.
(Eva Sittig | CAU)
Über Kiel Life Science (KLS)
Das interdisziplinäre Zentrum für angewandte Lebenswissenschaften – Kiel Life Science (KLS) ↗ – vernetzt an der CAU Forschungen aus den Agrar- und Ernährungswissenschaften, den Naturwissenschaften und der Medizin. Es bildet einen von vier Forschungsschwerpunkten an der Universität Kiel und will die zellulären und molekularen Prozesse besser verstehen, mit denen Lebewesen auf Umwelteinflüsse reagieren. Im Mittelpunkt der Forschung stehen Fragen, wie sich landwirtschaftliche Nutzpflanzen an spezielle Wachstumsbedingungen anpassen oder wie im Zusammenspiel von Genen, dem individuellen Lebensstil und Umweltfaktoren Krankheiten entstehen können. Gesundheit wird dabei immer ganzheitlich im Kontext der Evolution betrachtet. Unter dem Dach des Forschungsschwerpunkts sind derzeit rund 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 40 Instituten und sechs Fakultäten der CAU als Vollmitglieder versammelt.