Das "Birkenwunder"
bei Fretterode im Eichsfeld

Von Reinhard Conrad
Oft bedarf es nur eines auslösenden Faktors, um Aktivitäten und Schutzbemühungen für bedrohte Organismen in der Öffentlichkeit zu bewirken. Durch die Aktion "Baum des Jahres" des Kuratoriums Baum des Jahres haben in der Vergangenheit vielfältige Initiativen von Bürgern und Gemeinden ein gesellschaftlich relevantes Betätigungsfeld gefunden. Der Landesverband Thüringen des Naturschutzbundes hatte seine Mitglieder im Jahr 2000 aufgerufen, nach der stärksten Birke in Thüringen zu fanden.

Im Rahmen dieser Aktion wies Familie HEERDA (Heiligenstadt) den Verfasser auf eine sehr interessante Birke im Eichsfeld hin, die zu den dendrologischen Merkwürdigkeiten in Thüringen gehört: Bereits vor siebzig Jahren wurde der Baum in Gerbershausen von dem dortigen Lehrer den Kindern als "Birkenwunder" vorgestellt, das wissen die ältesten Gerbershausener Einwohner noch heute und erinnern sich gern an die Schulwanderungen zum "Birkenwunder".
Sicher, es gibt auch in anderen Bundesländern Birken, die sich als Keimling in oder auf anderen Bäumen ansiedelten, dort wachsen, aber meistens nach einigen Jahrzehnten samt ihrem "Wirt" zusammenbrachen. Eine solche Birke, die sich aus einer Kopfweide entwickelt hat, existiert in Ostthüringen bei Hohenleuben-Reichenfels am Schafteich nahe der Burgruine Reichenfels. In der Sagensammlung "Der Reiter ohne Kopf" befindet sich auf der Seite 187 eine Abbildung von 1996. Leider sind die Tage der Birke am Schafteich gezählt!
Die Birke im Hamburger Jenischpark
Wesentlich interessanter ist jene Birke, die im Hamburger Jenischpark in der Stammbasis einer alten, rotfaulen Stieleiche keimte und nun längst aus dem Schatten des Eichengiganten herausgewachsen ist.
H. VIETH berichtet in seinem Buch 'Hamburger Bäume 2000" (S. 91), dass diese Birke bereits 1926 als kleines Bäumchen in der Eiche beachtet wurde. Nach seinen Recherchen ist diese aus dem Eicheninneren dem Licht entgegenstrebende Birke inzwischen mindestens achzig Jahre alt.
Die Birke, die sich in Westthüringen nahe der hessischen Grenze im Schierbachtal südöstlich von Gerbershausen als Wuchsort eine alte Kopfweide ausgesucht hatte, fällt schon durch ihren Umfang auf, ist aber auch wegen ihres Alters bemerkenswert. Der Baum dürfte um 1930 schon eine auffällige Erscheinung gewesen sein.
Das angenommene Alter von neunzig Jahren dürfte nur wenig vom tatsächlichen, aber unbekannten Alter abweichen. Damit gehört der noch immer vitale und formschöne Baum zu den Birken, die überhaupt so alt werden durften und unsere Bewunderung verdienen. Das Kernholz der Kopfweide, die sich die Birke im Tal bei Fretterode als Wuchsort ausgesucht hat, war weißfaul, so dass die wachsenden Birkenwurzeln ohne große Schwierigkeiten den Weg vom Weidenkopf zum Erdboden bewältigten.
Während an den Adventivwurzeln, die im Inneren der Weide zum Erdboden wuchsen, auch jetzt noch das adventive Wachstum erkennbar ist, bildete sich zwischen Weidenkopf und Erdreich an der Seite der Weide, wo das Kernholz nicht durch eine Kambiumschicht und Rinde geschützt war, die typische Birkenrinde.
Da inzwischen von der schutzgewährenden Weide nichts mehr vorhanden ist, fallen die Unterschiede am unteren Birkenstamm besonders auf. Dieses Stammstück besitzt einen Umfang von 241 Zentimetern in 1,3 m Höhe (HEERDA in litt). Einige tote Wurzelreste in Höhe des ehemaligen Weidenkopfes markieren die Stammhöhe der Weide. Für den Baum war viele Jahre lebenserhaltend, dass sich die Adventivwurzeln im Schutze des Wirtes so stark entwickeln konnten, und dass sie auch gegenwärtig in der Lage sind die Last des 15 m hohen Baumes zu tragen.
Besonders beeindruckend ist der Umfang, der in 3,4 m Höhe stattliche 244 Zentimeter beträgt. Mit diesem Umfang gehört sie zu den stärksten Thüringer Birken. Der Höhenvorteil, den sie als Epiphyt auf dem Kopf der alten Weide besaß, schützte sie in der Jugend vor Verbiss und verschaffte ihr die nötigen Bedingungen zur optimalen Entwicklung, die im früher intensiv genutzten Wiesenbereich wohl kaum möglich gewesen wäre.
Diese besondere Hänge-Birke (Betula pendula) ist der Unteren Naturschutzbehörde bekannt, und es besteht die Hoffnung, dass sie als Naturdenkmal geschützt wird und somit noch Jahrzehnte Heimische und an ihr vorüberkommende, aufmerksame Menschen erfreut. Danken möchte ich der Familie HEERDA (Heiligenstadt), die den Wert dieser Wuchsform erkannte und den Vorstand des Naturschutzbundes auf das "Birkenwunder im Eichsfeld" hinwies und bereits 1993 auf diese "außergewöhnliche Naturerscheinung" im Eichsfeld hingewiesen hatte (vgl. HEERDA 1993, S. 61).
Das Birkenwunder im Schierbachtal
Foto: U. Conrad, Mai 2001
Eichen-Birken-Paar
Die Alteiche besitzt eine große vertikale
bis zum Boden reichende Stammöffnung, aus der die Birke (im Bild rechts) herauswächst,
Hamburg, Blankenese, Jenischpark
Foto: U. Conrad 16. Oktober 1999
Die Birke im Schierbachtal.
Blick von Osten zum Baum.

Foto U. CONRAD, 8. Mai 2001
Nahaufnahme der unteren Stammpartien
der Birke im Schierbachtal.

Foto U. CONRAD, 22. November 2000
 
Daten:
Thüringen, Eichsfeld, Fretterode, im Tal nach Gerbershausen am Schierbach in unmittelbarer Nähe der Straßenbrücke, TK 4626/33 (35 70 960 / 56 87 000), 243 m NN; Umfang 244 cm bei 3,40 m Höhe, Gesamthöhe 15 m, Kronenausdehung 10 m, Alter etwa 90 Jahre; Messung 21. November 2000.

Literatur:
HEERDA, E. (1993): Entdeckungen im Eichsfeld. Wissenswertes aus Wald und Flur. Eigenverlag HEERDA, Heiligenstadt
ROLOFF, A. (2000): Die Sandbirke, Baum des Jahres 2000. Faltblatt. Herausgeber: Kuratorium Baum des Jahres
TREBGE, W. (1997): Der Reiter ohne Kopf. Sagen rund um das Leubatal und andere, nahe gelegene Orte. Beiheft zum Jahrbuch 42 des Museums Hohenleuben-Reichenfels

VIETH, H. (1995): Hamburger Bäume. Zeitzeugen der Stadtgeschichte. Hamburg

VIETH, H. (2000): Hamburger Bäume 2000. Geschichten von Bäumen und der Hansestadt. Hamburg


Reinhard Conrad
• Heinrichstraße 33 • D-07545 Gera


das Birkenwunder lyrisch aufbereitet

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