Wir schreiben das Jahr 2108 und sitzen an einem der vielen heißen Sommertage mit Temperaturen zwischen 42 und 46 Grad Celsius unter unserer kühlenden, grünen Klimafolie hinten im Wohnbereich, einer Folie, die glücklicherweise nur wenige der brennenden Sonnenstrahlen herein lässt und uns allen hier hellgrünen Schatten spendet.
In unserer Nachbarschaft, elend alte Bausubstanz herrscht dort noch vor, da leben einige hundertjährige Menschen. Die gehen dann Abend für Abend mit ihrem Sauerstoffgerät spazieren. Das macht ihnen nichts aus. Alle Alten haben so ein Gerät am Rücken.
Auch wir Jungen müssen mit einem Staubschutz vor dem Gesicht leben. Denn die riesige Wüste, die ja nur wenige Kilometer hinter der Geisterstadt Venedig beginnt, diese Wüste schickt uns im langen Sommer mehrere Wochen lang feinen, hellen Sand nach Deutschland. Venedig soll ja früher mal eine Lagunenstadt mit viel Wasser gewesen sein. Aber das muss lange her sein.....
Einer unserer alten Nachbarn besuchte uns vor wenigen Tagen und irgendwie kam er wieder einmal auf früher zu sprechen.
"Stellt euch vor", brummte unser Alter, "früher, als ich noch ein kleines Kind war, gab es sogar noch richtige Bäume in den Städten, entlang der Straßen, in Wohnbereichen sahen wir sie auch, Gärten nannten wir das damals - sogar Regenwälder waren in einigen Ländern noch großflächig vorhanden. Stellt euch das nur vor." Und er nippte an seinem Iso-Getränk.
"Noch ein Jahrhundert früher sollen es sogar noch viel mehr Wälder gewesen sein.
Und es gab zu meiner Kindheit auch einige der Hartnäckigen, die immer für Natur und Bäume geworben, gestritten und gekämpft haben. Ja heute lachen wir darüber, aber damals gab es zuweilen richtigen Ärger wegen dieser Bäume und ihrer Beschützer. Nur hatten die null Chance. Der Fortschritt siegt letztendlich immer! Ihr wisst das ja auch.
Ach, wir haben es heute wirklich besser. Bäume gibt es als Wirtschaftsfaktor nur noch in extra ausgewiesenen Plantagen.
Dafür besitzen wir unsere grünen Kunststoffgewächse, die austauschbar sind, kein Laub mehr werfen und somit keinen Schmutz verursachen. Wir können sie jeweils kurz vor unseren monatlichen Klimastürmen aus ihrer Halterung heraus nehmen, um sie im Keller zu verankern bis der Sturm wieder vorbei ist.
Sogar mit verschiedenen Duftnoten gibt es diese hübschen Kunststoffgewächse neuerdings."
"Ja," sagte der Alte verschmitzt, "ich war ja früher auch mal ein Kämpfer für die Natur, aber heute habe ich längst eingesehen, das dies keinen Sinn hatte. Wer kann schon die Zeit aufhalten? Wir, oder besser gesagt ihr", dabei zwinkerte er mit den Augen, "ihr habt doch heute ganz andere Probleme.
Diese hohen Wasserpreise, die vielen Zuwanderer aus Asien, die wegen der versunkenen Inseln zu uns gekommen sind, das macht wirklich Probleme.
Aber die Natur, die belastet uns nicht mehr, weil es sie ja faktisch nicht mehr gibt."
"Ja, ja", der Alte wankte wieder in sein Häuschen zurück und mir war nach Vergangenheit zumute - mein in die Handfläche eingepflanzter PC jederzeit abrufbereit. Wie war das vor ungefähr hundert Jahren? Damals wurde doch tatsächlich vor einigem, was heute ist, gewarnt. Es ist zwar nicht alles 1:1 so gekommen, aber manches doch beinahe wie vorausgesagt.
Zugegeben, die Luft im Sommer ist ohne Filter kaum zu verkraften, an die Stürme aber haben wir und längst gewöhnt und entsprechend mit unseren weichen Bauweisen reagiert. Und für den privatisierten Straßenverkehr haben wir heute durch Verdrängung unnötiger Naturflächen mehr Raum als je zuvor.
Na ja, unser Abfall wird zwischenzeitlich im Weltall gut untergebracht, Energie kommt von der Sonne, nur das Trinkwasser ist halt verdammt teuer, durch die Aufbereitung des Meerwassers. Anderes Wasser haben wir kaum noch.
Aber es geht uns gut, zumindest uns hier. Die Probleme von anderswo werden ja von der Weltraum-TV-Zentrale gleich ausgefiltert und die Unterhaltungsprogramme lassen kaum dunkle Gedanken hochkommen. Es war auch eine wichtige Entscheidung, Anfang 2075, alten Leuten ab 80 Jahren die Kopfrente zu halbieren und ihnen dafür alte, verdorbene Bausubstanz zum Verwohnen frei abzugeben. Und mit der staatlichen Rentnerverpflegung kommen die ja tatsächlich gut zurecht.
Wer will, darf sich seit einigen Jahren auf Staatskosten einschläfern lassen. Das spart Kosten, auf die früheren Beerdigungsfeiern wird dabei völlig verzichtet.
Aber zurück zu den Bäumen, ich bin froh, dass es die bei uns nicht mehr gibt. Es soll nämlich noch vor hundert Jahren vorgekommen sein, das Menschen vor Gericht gehen mussten, um den uneinsichtige Nachbarn zum Fällen seines lästigen Baumes zu zwingen. Also das war doch wirklich unzumutbar, Jahr für Jahr das fremde Laub im eigenen Grundstück.
Bäume, so ein Quatsch. Jahrtausende haben die Menschen benötigt, um endlich mit diesem grünen Gestrüpp zu brechen. Welch ein epochaler Fortschritt!
Mein Kunststoffbaum besitzt 12 Zweige. Wer will, kann diese Kunstgegenstände aufrüsten auf 36 Zweige. Die Zweige gibt es verschieden farbig, gegen Aufpreis gleich mit bunten Solar-Freizeitlämpchen, innen leuchtend.
Dazu noch die bekannten Duftstoffe, die sehr lange duftend glücklich machen.
Insekten, Vögel und das ganze Tierzeug sind lange schon weggespritzt. Wir leben heute sauber und antibakteriell, werden in keiner Weise von natürlichen Abläufen belästigt. Kinder, auf natürliche Weise gezeugt, gibt es auch nicht mehr viele, wegen der Krankheiten. Nachkommen werden meist geklont. Das erleichtert enorm unseren Schulablauf und die gleichmäßige, kostengünstige Kinderbetreuung.
In anderen Ländern soll es ja noch Unrat wie vor Jahrhunderten geben, aber wie gesagt, wer davon nichts wissen möchte, kann diese Meldungen am PC unterdrücken und ausfiltern lassen.
Ach noch etwas, die erdigen Nutzflächen, dort wo Bäume für die Wirtschaft gezüchtet werden und die Landwirtschaftsflächen für unsere Ernährung angesiedelt wurden, diese Gebiete sind überdacht und abgeschirmt, sie werden künstlich gewässert, beleuchtet, optimiert und gewartet. Da dringt nichts mehr in die absolut versiegelten, abgeschiedenen und damit reinlichen Wohn- und Arbeitsbereiche.
Für diese Entwicklungen wurde in den letzten Jahrzehnten hart gearbeitet. Über die USA ins Vereinigte Europa hinein verlief diese Entwicklung und ich bin so froh darüber, dass ich nicht in der Zeit große geworden bin, wie der Alte von gegenüber. Das muss ja wie in der Wildnis von anno dazumal gewesen sein, grauenhaft und unvorstellbar...........

Ein kräftiger Windstoß weckt mich auf, ach du liebe Zeit, ich habe geträumt von einer fernen Zeit, alles nur geträumt. War es ein Wunschtraum oder ein Albtraum? Ich muss erst mal nachdenken über alles. Mein Schädel brummt und tut mir weh.
Doch was ist das? Der Herbstwind bläst mir ein paar Blätter von der großen Birke gegenüber in mein Schlafzimmer.Tatsächlich! Blätter eines richtigen Baumes!!!
Gott sei Dank !

Horst Schunk, Kasernenstraße 22, D-96450 Coburg

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