Von Heinrich Conrad
In Heft 3/2002 der Baum-Zeitung wurde die beeindruckende Albshäuser Eiche1 vorgestellt und auf eine Verlautbarung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in der Zeitschrift "Grünes Blatt" hingewiesen, in der mitgeteilt wird, dass diese Eiche im Lahn-Dill-Kreis die älteste Deutschlands sei. Auf die ältesten Eichen wurde in der Vergangenheit immer wieder hingewiesen. Beispielsweise wäre aus Nordrhein-Westfalen die Feme-Eiche von Erle2 zu nennen und im gleichen Atemzug auf die Ivenacker Eichen in Mecklenburg-Vorpommern zu verweisen. In Hessen steht bei Holzhausen die Gahrenberger Gerichtseiche, deren geschätztes Alter zwischen 1300 bis 1400 Jahre angegeben wird (Fröhlich 1990).
Die Hohle Eiche in der niedersächsischen Gemeinde Rellingen im Ortsteil Egenbüttel (Kreis Pinneberg) soll 1300 Jahre alt sein, teilte freundlicherweise Amtsrat R. SCHMIDT (Rellingen) mit (vgl. WRAGE 1974), und auch die Tausendjährige Eiche bei Nagel im Regierungsbezirk Oberfranken gehört zu ihnen (vgl. FRÖHLICH 1990).
In Thüringen existiert eine, die zu den ältesten Eichen Deutschlands zu zählen ist. In Nöbdenitz3 kann man jene Eiche bewundern, die mehrfach als Alte Eiche bezeichnet, aber auch als Große Eiche und Tausendjährige Eiche bekannt wurde.
In der Landeskunde des Herzogtums Sachsen-Altenburg schrieb AMENDE vor 100 Jahren: "Nöbdenitz liegt anmutig im Sprottenthale. Es zählt 289 Einwohner, hat Bahnhof, Kirche, Pfarrei, Schule und ein großes Rittergut. Der Ort hat eine Sehenswürdigkeit eigener Art aufzuweisen. Neben der Pfarrei, am Wege nach Raudenitz, steht eine uralte Eiche. Ihr Stamm hat unmittelbar über dem Boden einen Umfang von 12 m, in Mannshöhe 8,30 m. Er ist hohl und wird durch eiserne Reifen zusammengehalten...".
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35 Jahre später publizierte BERG (1937) einen Beitrag über Nöbdenitz und den Baum, dessen Alter immer wieder Diskussionsstoff liefert: "Das Alter der unweit von Kirche und Gottesacker am Pfarrgarten stehenden Eiche wird auf 2000 Jahre geschätzt. Wenn für die Richtigkeit der Schätzung auch nicht der Beweis erbracht werden kann, so steht doch immerhin fest, daß die Eiche der weitaus älteste Baum der Gegend ist" (BERG). Ihm erschien zwar das Alter von 2000 Jahren suspekt, aber zu einer eigenen Schätzung konnte er sich doch nicht entschließen. Er maß ebenfalls den Umfang des Baumes am Erdboden mit 12,50 m aus. Ohne Zweifel kannte Bauamtmann BERG das in der Landeskunde von AMENDE mitgeteilte Maß. Auch er verweist auf den Bruch und Absturz der Krone, allerdings wäre es 18124 gewesen, und fand auch die starken Eisenbänder erwähnenswert, mit denen der Baum noch immer zusammengehalten wird.
Kopie aus BERG (1937)
Wann die Messung des Umfanges erfolgte und die fotografische Aufnahme entstand, ist nicht vermerkt. Es bleibt als Zäsur für beide Ereignisse das Jahr 1937, in dem Bericht und Foto veröffentlicht wurde.
Der Vergleich der Aufnahmen aus der Gegenwart mit einem Foto von 1937 offenbart die beachtlichen Veränderungen des Baumes in den letzten 65 Jahren. Erkennbar ist auch, dass die alte Dorfstraße inzwischen asphaltiert und verbreitert wurde. Sie grenzt nun unmittelbar an den Baumfuß und liegt über dem westlichen Teil des Wurzelbettes.
Kanaldeckel in der Straßendecke weisen auf die Versorgungsleitungen unter dem Asphalt hin. Tatsächlich sind die Leitungen für die Gasversorgung und die Kanalisation im Straßenbereich verlegt worden. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass gerade der unterste Altast über der Straße nicht mehr vorhanden ist, wie der Vergleich mit dem Bild von 1937 zeigt. Vor mehreren Jahren wurden einige Altästen5 eingekürzt. Die abschüssige, asphaltierte Straße entsorgt einen großen Teil der Niederschläge, die früher dem Baum zur Verfügung standen und wirkt sich auch auf das Kleinklima im Traufbereich des Baumes aus. Auch die Bodenqualität unter der Teerdecke entspricht nicht mehr den früher vorhandenen Bedingungen.
Bereits um 1800 war das Kernholz der Eiche vom Schwefelporling weitgehend zerstört.
BERG schreibt dazu: "Auch am Bauminnern sind die Jahrhunderte nicht spurlos vorbei gegangen, wie der fast völlig ausgefaulte und hohl gewordene Stamm zeigt. Er birgt in seinem Innern eine recht geräumige Höhle, deren Zugang mit einer Gittertür verschlossen ist", und bewundernd fährt er fort: "Trotz des Verlustes von Krone und Kern lebt der von starken Eisenbändern zusammengehaltene Stamm weiter, wird alle Jahre wieder grün, trägt reichlich Früchte und bedeutet mit seiner knorrigen, trutzigen Gestalt ein ehrwürdiges Naturdenkmal."
Seit 1937 hat sich viel in Nöbdenitz verändert, und die augenfälligste Veränderung an der alten Eiche ist das erneuerte Eisenband zwischen den beiden alten.
Die Nöbdenitzer Eiche hatte in den vergangenen Jahrhunderten außerordentlich unter dem Befall durch den Schwefelporling (Laetiporus sulphureus) gelitten, auch holzbewohnende Insekten haben sie für ihre Entwicklung ausgiebig genutzt. Auffällig ist aber, dass in den letzten Jahren keine neuen Fruchtkörper vom Schwefelporling an der Eiche nachweisbar waren.
Es mutet fast wie ein Wunder an, dass der Baum noch lebt, lebensnotwendig ist für ihn, der in den vergangenen Jahrzehnten in seinem Hohlraum an der Südwestseite entstandene, Adventivstamm. Auf Grund der großflächigen Öffnung im Nebenkronenbereich erhält der Hohlraum genügend Licht, und auch ein Teil der Niederschläge erreichen den inneren Stammgrund. Der 'Jungstamm' ist an der Basis stark borkig. Am 19. April 2001 wurde der Umfang der Eiche bei 1,3 m Höhe gemessen.
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Wegen des abfallenden Hangprofils und des stark konisch ausgebildeten Stamms wurden aus mehrere Messungen der Durchschnittswert mit 1064 cm ermittelt.
Die vorhandene asymmetrische Nebenkrone ist inzwischen knapp 14 m hoch und breitet sich in Nord-Süd-Richtung 15 m und in West-Ost-Richtung 10 m weit aus. AMENDE hatte wohl aus den genannten Gründen den Umfang am Boden gemessen. Es war naheliegend, diesen nach 100 Jahren auf die gleiche Weise zu erfassen, wohl wissend, dass in diesem Zeitraum Erdbewegungen das damals vorhandene Bodenprofil an der Stammbasis verändert haben. Die Messung am 11. Juni 2002 ergab einen Umfang von 1270 Zentimetern. Aus dem Vergleich der gegenwärtigen Messung an der Nöbdenitzer Eiche mit der Angabe von AMENDE ergibt sich in den letzten hundert Jahren nur ein Zuwachs von 11 cm, also ein außerordentlich geringes Dickenwachstum und auch zukünftig dürfte sich der Umfang nur noch sehr wenig verändern. Eine Altersberechnung mit diesen Werten ist nicht vertretbar, auch fehlen bisher Daten zum jährlichen Zuwachs des Advenivstammes.
Nach der von TILLICH publizierten Altersberechnung6 kann man leider das Alter der Nöbdenitzer Eiche nicht ermitteln. Die fiktive Altersangabe von 1000 ­ 1200 Jahren (FRÖHLICH 1994) stützt leider die Bezeichnung "Tausendjährige Eiche" nicht. Berücksichtigt man das intensive Zerstörungswerk, das der Schwefelporling zusammen mit holzabbauenden Insekten innerhalb weniger Jahre im Holzkörper alter Bäume anrichtet, dann ist es sehr fraglich, ob sie dieses Alter besitzt. Vielleicht sollte man den Schleier des Geheimnisvollen, des Mystischen nicht lüften. Unsere Gedankenwelt wäre um vieles ärmer, wenn für Legenden und Sagen kein Raum mehr wäre, und die Phantasie zumindestens hinsichtlich der Generationen verbindenden Baumgiganten nicht mehr benötigt würde.
Weitere Namen für diese alte Eiche von Nöbdenitz, die bis ins Jahr 1824 zurückreichen, dürfen nicht unerwähnt bleiben. Der ausgehöhlte Stammtorso birgt nämlich im zentralen Wurzelbereich eine Begräbnisstätte. Der Minister HEINRICH WILHELM von THÜMMEL7 hatte vor seinem Ableben das Innere der hohlen Eiche als seine letzte Ruhestätte ausgewählt.


Er kaufte die kircheneigene Eiche. Nach seinem Ableben wurde er am 3. März 1824 in der Eiche beigesetzt und dieses außergewöhnliche Begräbnis im Kirchenregister vermerkt. AMENDE berichtet von einer Tür, die den Zugang in das Innere der Eiche abgrenzt und BERG ergänzt: "Der Zugang zu diesem wohl einzigartigen Erbbegräbnis wurde mit Felsblöcken bis auf eine kleine Schlupföffnung vermauert und mit einer Eisengittertür verschlossen". Im Totenregister der Nöbdenitzer Pfarrei ist folgender Eintrag vorhanden: "Gestorben in Altenburg den 1. März 1824 früh 1 Uhr. Beigesetzt unter der von dem seeligen Herrn Geh. Rate erkauften Pfarreiche auf Bewilligung Herzogl. Regierung in einer dazu ausgemauerten Gruft - vermauert wider alle Besorgnis einer gefährlichen Ausdünstung des toten Körpers - mit einer Rede." Ein Felsblock ist vorhanden, auch eine verrostete senkrechte Eisenschiene am Stamm weist noch auf die ehemals vorhandene Gittertür hin.
So verwundert es nicht, dass der Baum auch als Thümmel-Eiche und als Begräbnis-Eiche im Volksmund und im Schrifttum bekannt wurde.
Seit einigen Jahren befindet sich am Stammfuß eine schöne Rabatte. Ziersträucher (Rosen, Spieren, Fächer-Zwergmispeln) und Gartenpflanzen (Christrosen, Bunte Schwertlilien u.a.) schmücken das Baumumfeld, und die um den Begräbnisbaum wild wachsenden Pflanzen Gewöhnliches Scharbockskraut (Ranunculus ficaria ssp. bulbifera), Wiesen-Löwenzahn (Taracaxum officinalis), Rauhhaariges Veilchen (Viola hirta), Schöllkraut (Chelidonium majus), Pfennigkraut (Lysimachia nummularia), Vogelmiere (Stellaria media), Katzenminze (Nepeta cataria), Gewöhnlicher Gundermann (Glechoma hederacea), Echte Nelkenwurz (Geum urbanum), waren schon zu THÜMMELS Zeiten vorhanden. Gegenwärtig wachsen sie in Gesellschaft mit den etablierten Neophyten Gewöhnliche Schneebeere (Symphoricarpos albus), Gewöhnliche Mahonie (Mahonia aquifolium), Kleinblütiges Springkraut (Impatiens parviflora), Kaukasus-Fetthenne (Sedum spurium), Aufrechter Sauerklee (Oxalis stricta), Hornfrüchtiger Sauerklee (Oxalis corniculata), Wohlriechendes Veilchen (Viola odorata) und bilden zusammen einen besonderen Grabschmuck.
Einige Jungpflanzen der Alten Eiche sind erfreulicherweise in der Nähe des Stammfußes aufgelaufen. Wenn man einen geeigneten Standort für sie fände, könnten sie als Bindeglied die folgenden Jahrhunderte mit der Gegenwart und der Vergangenheit verbinden und die Erbanlagen der uralten Eiche in die Zukunft weitergeben.
Überlegens- und empfehlenswert wäre die allerdings etwas kostspielige Veränderung des Straßenbelages im Bereich der Eiche (mehr Feuchtigkeit in den oberen Bodenschichten und die bessere Durchlüftung würde das Lebensalter der Begräbnis-Eiche verlängern).
Letztendlich sollte geprüft werden, ob die ausländischen Sträucher und jungen Bäume in der Rabatte verpflanzt werden können, damit die Niederschläge wieder den Wurzeln der Eiche zur Verfügung stehen.
Die Sträucher sind zweifellos ein schöner Anblick, leider tragen sie nicht dazu bei, das Leben der uralten Begräbniseiche zu erhalten.

Reinhard Conrad - Heinrichstraße 33 - D-07545 Gera
Fotos: Uwe Conrad, Gera