Im Blickpunkt:
Von Herbert F. Gruber

Mit der Wahl der Schwarzerle hat das Kuratorium Baum des Jahres in 2003 den Focus auf eine ökologisch bedeutsame Gehölzgattung gelenkt. Deren drei in Mitteleuropa natürlich vorkommenden Arten Schwarzerle (Alnus glutinosa), Grauerle (Alnus incana) und Grünerle (Alnus viridis) sollen hier anhand ihrer Unterschiede vorgestellt werden. Alle Erlenarten (Gattung: Alnus) gehören systematisch innerhalb der Familie der Birkengewächse (Betulaceae) zur Ordnung der Fagales. Diese Ordnung kennzeichnet sich grundsätzlich durch eingeschlechtliche Blüten mit stark reduzierter Hülle (kaum Kelch- und Kronblätter) sowie Nussfrüchte ohne Endosperm. Als Besonderheit der Birkengewächse treten die zu Kätzchen zusammengefassten Blüten hervor. Die Gattung Alnus besiedelt mit etwa 30 Arten die nördlichen, gemäßigten Zonen.

Die Schwarzerle (Alnus glutinosa)
gilt mit einer Wuchshöhe von bis zu 25 Metern als stattlichster Vertreter der Gattung in Mitteleuropa. Auf ihr besonders zusagenden Standorten kann der Leitbaum der Auen, Bach- und Flussläufe in Einzelfällen auch Wuchshöhen von über 28 Metern und Stammdimensionen von mehr als einem Meter in Brusthöhe erreichen. Vor allem starkstämmige Schwarzerlen sind wegen ihres universell verwendbaren, weichen Holzes im Möbel- und Holzbau recht begehrt. So gehört die Erle zu denjenigen Laubhölzern die zur Herstellung von Massivholzmöbeln gerne verwendet werden. Schon kurz nach der Fällung stellt sich nach Luftkontakt durch Oxidation von Inhaltsstoffen der Parenchymzellen eine auffällige Rotfärbung des Holzes ein, das der Schwarzerle auch den etwas irreführenden Namen Roterle eingebracht hat. Wegen Verwechslungsmöglichkeiten mit der nordamerikanischen Alnus rubra sollte man diesen Namen jedoch fachlich mit Bedacht verwenden.

Die Blätter von Alnus glutinosa
sind rundlich-verkehrt-eifömig, mit einer ausgeprägten Delle anstelle der Blattspitze. Die Oberseiten der leicht klebrigen Blätter sind matt glänzend.

Schwarzerle am typischen Standort in einer Flussaue
Seltener Anblick: Grauerle als Straßenbaum an einer Landstraße
Stammprofil der Schwarzerle
Stammprofil der Grauerle mit ausgeprägten Wasserreisern
Blütenkätzchen
Schwarzerle
Fruchtzapfen
Schwarzerle
Blütenkätzchen
Grauerle
Fruchtzapfen
Grauerle
Blütenkätzchen
Grünerle
Fruchtzapfen
Grünerle

 

 

 

Wurzelknöllchen der Erle, hervorgerufen durch
den Symionten
Actinomyces alni

Schwarzerle
Grauerle
Grünerle

Die Wuchsform des Baumes
ist deutlich monocorm, hat also eine durchgehende Achse, die dem Wuchs vieler Nadelbaumarten ähnelt. Im geschlossenen Bestand bleiben Schwarzerlen schlankwüchsig. Dagegen können sie im Freistand breit angelegte Kronen bilden, die nach oben hin spitzkegelig zulaufen.

Die Rinde der Schwarzerle
kennzeichnet sich im Alter durch eine grob strukturierte, rautenfömig aufbrechende Borke, anhand derer sie deutlich von den anderen
mitteleuropäischen Erlenarten unterschieden werden kann.

Mit Höhen von bis zu 20 Metern
wird das Wachstum der Grauerle (Alnus incana) in der Fachliteratur geringer eingeschätzt als das der Schwarzerle. Zumindest in der Jugend bleibt jedoch Alnus incana nicht hinter der Schwarzerle zurück. Standorte, auf denen beide Arten nebeneinander vorkommen zeigen oft eine auffällige Gleichartigkeit im Wuchsverhalten der beiden Arten. Meist hat im Frühstadium sogar die Weiß- oder Grauerle die Kronenspitze vorn. Die ökologische Standortsamplitude der Grauerle muss als enorm bezeichnet werden. Neben Auenstandorten, insbesondere im Gebirge (auch: Bergerle), besiedelt Alnus incana als typisches Mitglied von Sukzessionsgemeinschaften auch solche Biotope, in denen der Mutterboden abgetragen worden ist oder wo durch Sand-, Kies-, und Schotteraufschwemmungen nährstoffarme Zonen entstanden sind. Dies ist eben in den Hochgebirgsauen oft der Fall. Ein ähnlicher Fall stellt sich in offengelassenen Kiesgruben und Baggerlöchern ein, die dem Baum das ihm angestammte Biotop künstlich herrichten und ein Gedeihen abseits der Konkurrenz anderer Gehölzarten ermöglichen.

Das Holz ist rötlichweiß
Wegen geringerer Stammdimensionen wird die Grau- bzw. Weißerle im Holz- und Möbelbau geringer geschätzt als die Schwarzerle. Hinzu kommt, dass Weißerlenholz vergleichsweise etwas stärker schwindet und leichter reißt. Selbst in dichten, schattigen Beständen neigt die Weißerle zu üppigen Stockausschlägen und zum Austrieb schlafender, stammbürtiger Knospen. Dies führt zur reichlichen Bildung von Wasserreisern, die dem späteren Holzwert, da sie in den Stamm einwachsen, wenig zuträglich sind. Ansonsten bleibt die Borke der Weißerle bis ins hohe Alter glatt, ist später rissig und an zusagenden Standorten vielfach von Flechten übersät.

Die Blätter der Grauerle
sitzen im Gegensatz zur Schwarzerle auf behaarten Stielen und bilden eine deutliche Spitze. Auffällig ist die starke Zähnung der Blattränder. Weißerlenblätter wirken vor allem im Austrieb etwas weicher und sind niemals klebrig. Aus den weiblichen Blütenkätzchen aller Erlenarten entwickeln sich zum Herbst verholzte, kleine Zapfen. Diese werden im Winter von umherzigeunernden Vogelschwärmen, insbesondere Zeisigen, aufgesucht, welche die darin befindlichen Flügelnüsschen als Nahrung schätzen.

Als bis 2,5 Meter hoher Strauch
besiedelt die Grünerle (Alnus viridis) auf kalkarmen Böden der Alpen die Knieholzzonen oberhalb der Waldgrenze. Eine besondere Vorliebe entwickelt das auch als Laublatsche bezeichnete Gehölz für die Rinnen von Muren und Erdrutschen. Dort ist es jedoch aufgrund des Lawinenschutzes recht unbeliebt, da die im Herbst zwischen das Gehölz fallenden Blätter eine rutschige Schicht, und damit die Grundlage für Lawinenabgänge bilden. Wo es möglich ist, versucht man deshalb die Laublatsche zugunsten der echten Latschenkiefer (Pinus mugo) zurückzudrängen. Als Eiszeitrelikt kommt die Grünerle auch in manchen Mittelgebirgs-Hochlagen natürlich vor, so zum Beispiel im Hochharz.

Eine Besonderheit der Wurzeln
sind die Wurzelknöllchen. Der darin lebende Wurzelsymbiont Actinomyces alni ermöglicht den Erlen die Aufnahme von Luftstickstoff, eine Fähigkeit die sonst von den Leguminosen (Schmetterlingsblütlern) bekannt ist, und den Erlen die Besiedlung stickstoffarmer Böden ermöglicht. Für die besondere Fähigkeit der Erle monatelang in überschwemmtem Gelände zurechtzukommen, wird das sogenannte Aerenchym verantwortlich gemacht. Ein lufthaltiges Wurzelgewebe, das den Bäumen offenbar ein Überleben unter Luftabschluss bei Überflutungen ermöglicht.

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Erlenblattkäfer (Agelastica alni)
Schon im Frühjahr fallen an den Erlen fast in jedem Jahr ca. sechs Millimeter große, schwarz-glänzende Käferchen auf. Diese Erlenblattkäfer (Agelastica alni) können in manchen Jahren ganze Erlenwälder kahlfressen, meist bleibt es jedoch bei auffälligen Löchern im frisch ausgetriebenen Laubwerk. Nur selten kommt es nach Kahlfraß zum Absterben schwächelnder Bäume. Die Erlen zu schützen bedeutet insbesondere Engagement für die Auen und Bachläufe unter Wahrung der angestammten Überschwemmungsgebiete. Besonderes Augenmerk verdienen jedoch auch die wenigen, verbliebenen Altbäume. Erlen mit einem Alter von über 100 Jahren sind außerordentlich selten, wodurch man dazu neigt, ihre Wuchsleistungen zu unterschätzen. Zwar gehören die Erlen nicht zu den Baummethusalems wie Eiche, Eibe und Linde. Eine Alter bis zu 250 Jahren ist jedoch auch den Erlen physiologisch möglich.

 

Copyright by:Dipl. Forstw. Herbert F. Gruber
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