REICHES LEBEN AUF TOTEM HOLZ

Wirklich beeindruckend ist der Nährstoffkreislauf im Wald.
Kein Baumstubben, kein liegengebliebenes schwaches Druchforstungsholz, kein vergessenes Nutzholz, kein Ast, kein dürres Blatt, nicht einmal das Moospolster ist ohne eine ökologische Bedeutung. Alle Bestandteile des heimischen Waldes stehen im Dienste einer höheren Ordnung, die wir alle nur bestaunen können. Zwar benötigt unsere Volkswirtschaft jeden Festmeter Nutzholz; aber unvermeidbar gibt es liegengebliebene Kleinmengen an "vergessenem" Holz oder durch Blitzschlag und andere Schadereignisse absterbende, aber noch im Bestandesverbund stehende Bäume, die für eine Vielzahl von Lebewesen aus dem Pflanzen- und Tierreich Wohn- und Brutstätte sein können.
Manch ein Wanderer mag sich fragen, ob herumliegendes oder stehend vermoderndes Holz nicht Infektionsherde, Quelle von Schadinsektenausbreitung sein könne. Aber zahlreiche Schadinsekten, wie die gefürchteten Borkenkäfer, sind Sekundärschädlinge; sie bohren sich nur in bereits geschwächte, aber noch lebende Bäume ein, verschmähen aber bereits trockenes Holz. Wie steril, wie leergefegt wirken manche Wirtschaftsforste, wenn aus falsch verstandener Waldhygiene Reisig und absterbendes Material entfernt worden ist! Etwas mehr natürliche Unordnung würde von manchen Pilzen und zahlreichen Insekten begrüßt werden, damit die gewaltige Umwandlungsmaschinerie des Stoffabbaus ihre nützliche Arbeit aufnehmen kann. Die Abbaumechanismen, die sogenannten Destruenten (von lat. destruere = zerstören) werden von den Bakterien, Pilzen, Tausendfüßlern, Asseln, Regenwürmern in Gang gesetzt. Sie alle bringen einen natürlichen Kreislauf der Zersetzung in Gang, der im leergefegten Nutzwald oft nicht stattfinden kann. Der Kreislauf schließt sich, wenn das Holz wieder zu Pflanzennährstoffen - vergleichbar dem Kompost - abgebaut sein wird. Alle organischen Abfälle werden auch im Wald in den Energiehaushalt einbezogen. Das Gleichgewicht zwischen Pflanzen und Tieren sorgt für jene Stabilität im Naturgefüge, die notwendig ist, um unerwartete Ereignisse ohne Chaos auffangen zu können.

Lebensraum Moderholz


Überraschend viele verschiedene Arten stellen sich auf modernden Holz ein, denn es gibt zahllose Spezialisten unter den Insekten, deren Nachwuchs eben nur auf ganz bestimmten Baumarten überleben kann. Während der Eichenspinnkäfer seine Eier etwa 3 cm tief im Holz deponiert, andere in der Borke oder unmittelbar unter der Rinde leben, dringt der Eichenholzbohrer bis zu 30 cm tief ein, und das Eigelege wird von dort aus den natürlichen Kreislauf der Zersetzung in Gang bringen. Ohne viel Aufsehen ziehen die neuen Holzbewohner ein, und nur Bohrmehlhäufchen oder Bohrllöcher verraten dem Kenner was sich unter der hölzernen Oberfläche abspielt. Nicht nur Insekten mit ihren Entwicklungsstadien, auch Schnecken, ja Moose und Flechten, ja selbst Sämlinge der Waldbäume und -sträucher siedeln auf moderndem Holz und bereichern die Lebensgemeinschaft Wald. Wer zerfallendes Holz untersucht, wird mit Verblüffung feststellen, wieviele unterschiedliche Arten bis zur Riesenholzwespe er bei ihrem Destruentendasein stört. Manche Larven verbringen in ihrem Entwicklungszyklus bis zu drei Jahre im Holz. Nach den Insekten, aber auch mit ihnen gemeinsam greifen dann die verschiedenen holzzersetzenden Pilze an. Sie benötigen das Holz vor allem während der Fortpflanzung, der Sporenbildung, als Nährboden. So wird die Baumsubstanz relativ schnell aufgezehrt und umgewandelt.
Als letzte dringen dann vom Waldboden her Bakterien, Einzeller und andere primitive Organismen wie Wimpertierchen in die Holzskelette ein. Auch unter ihnen gibt es eine Fülle von Spezialisten.Selbst wenn der Stamm inzwischen seine typische Form verloren hat, Lignin und Zellulose aber noch vorhanden sind, sorgen Fadenwürmer und andere niedere Bodenorganismen für den letzten Stoffabbau. In komplizierten Kreisläufen wird Stickstoff auf einfache chemische Verbindungen reduziert, bis ihn die Pflanzen wieder aufnehmen können.



Stehendes Totholz als Lebensraum


Trocken gewordene, aber noch stehende, tote Bäume dienen zunächst zahlreichen Höhlenbrütern als willkommener Lebensraum. Im peinlich sauber gehaltenen Wirtschaftswald finden Spechte und Käuze oft kaum noch eine Überlebensmöglichkeit. Im weiteren Verlauf des Absterbeprozesses (des Moderns) siedeln sich dann die vorher erwähnten Insekten und im weiteren Verlauf Pilze an und sorgen durch ihre Tätigkeit für den natürlichen Stoffkreislauf in der bunten Lebensgemeinschaft Wald. Auch hier zeigen Bohrmehlhäufchen, welche Insekten Wohnrecht beanspruchen. Wie lange die Zersetzung des Baumes letztlich dauert, hängt nicht nur von Hart- oder Weichholz ab, sondern auch von Sonneneinstrahlung und Feuchtigkeit innerhalb des Bestandesinnenklimas.




Recycling - bei Pilzen ein uraltes Prinzip


Zahlreiche Pilzarten sind für das gute Funktionieren des Waldökosystems unerlässlich. Das hängt ja mit der Art ihrer Ernährung zusammen; denn im Gegensatz zu den grünen Pflanzen können sie sich nicht von Kohlendioxid der Luft und Mineralsalzen aus dem Boden ernähren und daraus organische Substanz (Glucose) produzieren. Pilze sind nun einmal auf organische Stoffe angewiesen, die sie toten oder lebenden Organismen entziehen. Saprophyten sind die Fäulnisbewohner, Parasiten befallen lebende Organismen, zum Beispiel Wurzelschwamm und andere Porlinge. Es gibt aber auch unter den Röhrlingen Arten, die mit anderen eine Lebensgemeinschaft eingehen, die Symbionten.Mykorrhizapartner Pilz und Baum
Ebenso wichtig wie die Fäulnisbewohner sind für gutes Gedeihen der Wälder Pilze, die mit den Wurzeln der Bäume eine Symbiose zum Wohl beider Partner eingehen, eine "Mykorrhiza" bilden (von gr.Mykos = Pilz und rhiza = Wurzel). Sie umhüllen die Baumwurzel als dichtes Pilzgeflecht, von dem aus die Pilzhyphen zwischen den Rindenzellen vordringen. Der Pilz liefert Wasser und Mineralien, der Baum lösliche Kohlehydrate. Bekanntestes Beispiel, ist der Lärchenröhrling. In der Regel sind sie streng auf einen bestimmten Wirt fixiert. Die Mykorrhizapilze verbessern in der Regel die Stickstoffversorgung der Bäume.
Für interessierte Wanderer lohnt es immer wieder, eine Lupe zur Hand zu nehmen und das vielfältige Leben im und am absterbenden Holz zu beobachten, um so mehr Verständnis für die komplizierten Zusammenhänge in der Lebensgemeinschaft Wald zu bekommen.

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